Jogi muss bleiben. Aus Gründen.

Da sind sie wieder. Die ahnungsbefreiten Miesepeter. Die geistig tieffliegenden Besserwisser. Und die stumpfen Gelegenheitsjubler, denen es die Grillparty im Schrebergarten verhagelt hat. Leider nicht nur vereinzelt, sondern quasi reflexartig kommen sie um die Ecke gesifft, die hinterhältigen Rufe nach dem Rücktritt von Joachim Löw.

Schland

Löw, der nach seiner nicht unerheblichen Beteiligung am fast schon legendären Sommermärchen bei der WM im eigenen Land vor sechs Jahren die alleinige Verantwortung für unsere Jungs übernommen hatte. Der Jogi Löw, der aus unserer verlachten Nationalmannschaft mit seiner unbestreitbaren Fachkompetenz, seiner akribischen Arbeitsweise und seinem Drang, modernen Fußball spielen zu lassen, diesem Team wieder einen Namen verschafft hat, bei dessen Erwähnung andere Fußballnationen Respekt zollen und nicht wirklich Lust haben, gegen uns anzutreten. Genau dieser Löw soll nun - zumindest wenn man dem schockierend hohen Anteil selbsternannter "Experten" samt reklamiertem Meinungsmonopol glauben schenken soll, zurücktreten.

Echt übel, wenn man schon in der Halbzeit(!) in Netzwerken wie Twitter und Facebook Zeilen wie "Alles Scheisse!", "Das wird nix mehr!" und vereinzelt auch da bereits "Löw raus!" liest. Solch erbärmliche Parolen kommen übrigens von denselben Flachschippen, die im selben Atemzug behaupten, unsere Spieler seien ja alle "Pussies" und können eigentlich gar nix. Die "dreckigen Fouls", die sie fordern, um "ein Zeichen zu setzen", begehen sie durch ihr eigenes Gesabber schon selbst. Und das Zeichen, das sie damit setzen, ist eines der billigen Niedertracht. Warum sollten unsere Jungs unter diesem Druck mit breiter Brust ständig ihr Bestes abrufen, wenn ein Großteil der eigenen "Anhänger" nicht einmal in der Lage ist, neunzig Minuten lang den Kopf oben zu halten?

Ihr müsst Euch selbst dringend Hoden besorgen, Herrschaften! Und zwar bevor, Ihr gedenkt anzuklagen. Emotionalitäten sind nicht nur in Ordnung, sondern überaus angebracht. Gerade bei einem EM-Halbfinale. Allerdings darf man dabei gerne das Denkzentrum online lassen.

Diese Zeilen sind absolut nicht dazu da, um eine Fehleranalyse des gestrigen Spiels zu betreiben. Sie sind ist auch nicht dazu da, um eher beschränkte Personen dazu zu bringen, Ihre Beschränkungen abzulegen. Es war mir nur ein Bedürfnis, nach einer solchen Enttäuschung und den daraus resultierenden Reaktionen ein wenig Sinn und Wahrheit in die Atmosphäre zu pusten, damit es solchen, die meinen, sie hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen, nicht allzu wohl wird. Sport ist nicht immer Gewinnen. Sport ist Entwicklung. Sport braucht Zeit. Und keine Dummschwätzer.

Ja, ich hätte gestern Abend auch gerne gewonnen. Gerade gegen die Italiener. Wisst schon. Aber es wurden Fehler gemacht. Auf dem Feld und auch auf der Bank. So beschissen sich diese Niederlage auch anfühlt, solche Dinge passieren. Damit sollte man umgehen können, wenn man vorgibt, irgendeinen Bezug zum Sport zu haben und nicht am BILD-Zeitungs-Stammtisch hängen geblieben zu sein. Sollen wir deshalb den fähigsten Bundestrainer seit Jahrzehnten in die Wüste schicken? Nur, damit Euch das Bier wieder schmeckt und Ihr Euer Bauernopfer habt? Nein. Wir kommen wieder. Und zwar gewaltig. Und am Besten in dieser administrativen Konstellation. Was zuvor in vier Spielen und mit dem Weltrekord von 15 Pflichtspielsiegen in Folge gut war, kann jetzt nach zwei Fehlern innerhalb von 16 Minuten nicht schlecht sein. Ich habe Vertrauen in diesen Trainer und in seine Philosophie. Aus Gründen.